„Enfant terrible“ und Superstar

Erinnerungen von Hans Kumpf

Am 9. Juli 1996 starb in Sankt Petersburg ein Film-, TV-, Jazz- und Rock-Star im Alter von nur 42 Jahren an Herzkrebs: Sergey Kuryokhin, geboren am 16. Juni 1954 in Murmansk. Innerhalb von eineinhalb Jahrzehnten war der Pianist von einer Untergrundfigur zur weltweit beachteten Persönlichkeit geworden.

Meine erste Begegnung mit Kuryokhin fand im Mai 1980 statt. Damals beteiligte ich mich an einer Studienreise durch Rußland, und mir kam es wie gerufen, daß ich schnell nach meiner Ankunft in der damals noch Leningrad benannten Metropole von einem großen Jazzkonzert erfuhr. Vor siebenhundert Zuhörern präsentierten sich fünf Ensembles der Stadt – mit Dixieland, Mainstream – aber auch Avantgarde. Das Duo des Saxophonisten Anatoly Vapirov mit dem Pianisten Sergey (alias Sergei alias Sergej) Kuryokhin (alias Kurjochin) erregte meine besondere Aufmerksamkeit. In einer Collage vereinten sie Debussy-Akkorde und gemäßigt moderne Kammermusik mit Ragtime-Floskeln und geräuschhaftem Free Jazz. Selbst in den freieren Passagen gab es keine emotional entfesselten Ausbrüche. Reserviertheit und Kühle und keineswegs ein musikalischer Exhibitionismus.

Nach dem Auftritt suchte ich mir den Weg hinter die Bühne und den unmittelbaren Kontakt zu den Avantgarde-Kollegen. Als Jazzer aus dem Westen war ich hochwillkommen, und umgehend wurde ich zu einem Treffen des Clubs für Zeitgenössische Musik eingeladen. Sergey Kuryokhin sollte mich am feudalen Pribaltiskaja-Hotel abholen.

Doch meine Digitaluhr hatte ich nicht korrekt auf die Moskauer Zeit vorgestellt, und wir verpaßten uns. So fand ich doch noch ohne russische Hilfe den Weg in das Kulturhaus Lensowjet, wo ein Dutzend Fans auf mich wartete. Man befragte mich eingehend über die jüngsten Entwicklungen der Neuen Musik und beim Jazz. Dabei war ich erstaunt, wie detailliert und auch kritisch diese Musik-Intellektuellen über die unorthodoxen Tonschöpfungen im Westen Bescheid wußten. Doch ohne länderübergreifendes Improvisieren durfte die Begegnung nicht enden. Meine Klarinette hatte ich bei meinem ersten Aufenthalt in der einstigen Sowjetunion noch nicht dabei. So setzte ich mich eben zu Sergey Kuryokhin ans Klavier, und wir spielten vierhändig. Die Freunde bestürmten mich, bald wieder zu kommen – dann aber mit meinem eigenen Instrument.

Ende Dezember 1980 „schmuggelte“ ich meine Klarinette durch den Zoll, mit im Gepäck hatte ich auch einige qualitativ hochwertige Tonbänder. Sergey Kuryokhin machte uns irgendwie das antiquierte Tonstudio des Konservatoriums zugänglich. Alles verlief mal wieder recht konspirativ: Immer wenn wir an diesem Sonntagnachmittag draußen vor der Tür Schritte wahrnahmen, mußten wir jeweils eine Zeitlang verbal und musikalisch schweigen, um nicht „erwischt“ zu werden. Mit von der musikalischen Partie waren noch Saxophonist und Klarinettist Anatoly Vapirov sowie der Fagottist Alexander Alexandrov. Angetan war ich von der konzentrierten Arbeitsweise und dem rationalen Umgang mit dem musikalischen Material. Als „Jam Session Leningrad“ brachte ich von Deutschland aus die Aufnahmen auf den internationalen Plattenmarkt. Um Kuryokhin keine Schwierigkeiten zu bereiten, durfte ich das historische Konservatorium nicht als Aufnahmeort nennen. Als Künstler-Information hatte mir der Englischdozent Alexander Kan aufgeschrieben: „Sergey Kuryokhin hasn’t finished his classical education. Twice or thrice he was expelled from different musical institutions for his non academic approach. So he doesn’t have a diploma. But he’s got something different – an unique talent, practically unlimited technique and perfect understanding of music. His musical likes and dislikes were determined rather early and among his influences you can trace Cecil Taylor and Alexander von Schlippenbach, Mauricio Kagel and Yannis Xenakis.“

Über ein später folgendes Konzert im Kulturpalast „Lensowjet“ wurde nur der engste Personenkreis informiert. Alles ging zunächst geheimnisumwittert vor sich: ich durfte mich dem Hauspersonal nicht als „Westler“ zu erkennen geben, das Publikum verhielt sich ganz ruhig – fast wie auf einer Beerdigung. Am Telefon sollte ich erst recht nichts über das „top secret“-Unternehmen verlauten lassen. Schließlich war ich nicht von den Behörden eingeladen worden und trat somit lediglich – halblegal oder illegal – als Privatmann auf.

Immer wenn ich die Stadt an der Newa besuchte, war Kuryokhin zur Stelle und freute sich auf ein gemeinsames Musizieren. Mitte 1981 war er dabei, als ich mit dem New Yorker Pianisten John Fischer nach Leningrad und Moskau reiste. Sergey Kuryokhin machte sich Gedanken, wie man bespielten Bänder außer Landes bringen konnte. Da kannte er eine Dame vom amerikanischen Konsulat, die vielleicht hätte helfen können. Aber mir gelang es stets, die Bänder ohne Wissen der sowjetischen Behörden herauszubringen. Zudem mußte ich auf den Flughäfen darauf achten, daß die Tonträger in Sicherheitsschleusen nicht entmagnetisiert wurden. Auf derlei Schleichwegen gelangte auch Tonbänder zu Leo Feigin nach London, wo der Exil-Russe das Label „Leo Records“ betreibt. Beim Abhören stellte sich uns die Frage: Spielt Kuryokhin wirklich so schnell oder steckt ein elektronischer Trick dahinter?

Als ich im Sommer 1983 zu meiner vierten Rußlandreise startete, bestellte Pianist Kuryokhin bei mir ein teures Mundstück für ein Tenorsaxophon. Weniger begeistert war ich freilich, als ihn dann als Bläser erlebte: viel Show und spieltechnisches Unvermögen. Die große Session fand damals im „LTO-81 Club“ im provisorischen Domizil der aufmüpfigen Literaten Leningrads statt. Da lag Kuryokhin auf dem vergammelten Parkettboden einer einstigen Erdgeschoßwohnung, trötete ins Instrument und ließ zusammen mit dem Rock-Gitarristen Boris Grebenshchikov ein wildes Happening steigen. Lernte ich Kuryokhin anfangs als einen eher introvierten Menschen kennen, so hatte er sich zwischenzeitlich zu einem expressiven Artisten gewandelt. Durch seine England erschienene Solo-Platte war er kurz zuvor weltweit bekannt geworden. Weil er aber in der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken nicht als offiziell anerkannter Musiker galt, konnte er zu Beginn der achtziger Jahre nicht außerhalb des Landes auftreten, nicht einmal in den benachbarten Ostblockstaaten.

Als großen Zampano erlebte ich ihn ein Jahr später in Moskau. Meine Reiseroute war den Jazzfreunden bekannt, und gleich am Flughafen der Hauptstadt wurde mir mitgeteilt, in welcher Halle Kuryokhin mit seinem „Crazy Music Orchestra“ noch am gleichen Abend auftreten sollte. Mit der Reisegruppe per Bus zum Cosmos-Hotel, dann mit der Metro in einen Vorort. Das Konzert dort hatte schon längst begonnen. Meine westliche Identität mußte ich mal wieder verheimlichen, und ich reihte mich auf der Bühne in die schräg intonierende Big Band ein. Ich sperrte meine Ohren auf, spielte und sang mit. Kuryokhin regelte mit weitausholenden Dirigiergesten den musikalischen Ablauf.

Als ich tags darauf im Moskauer ARD-Studio – außer den Fernsehjournalisten Gerd Ruge – noch den Hörfunkreporter Johannes Grotzky traf, wunderte sich dieser beim Anhören meines Cassettenrecordermitschnitts, daß das Publikum so frenetisch gejubelt hatte und eine Zugabe verlangte. Eine derartige „Disziplinlosigkeit“ war dem erfahrenen Medienmann in der Sowjetunion zuvor nicht widerfahren. Eigentlich wollte zu einer Session in einem Moskauer Studentenwohnheim noch der Spiegel-Korrespondent kommen, dieser stand damals jedoch unter besonders scharfer Bewachung des KGB. Die Telefone und Wohnungen der westlichen Presseleute wurden ohnehin systematisch abgehört. Dem Hamburger Nachrichten-Magazin wäre damals Kuryokhin und sein musikalisches Abenteurertum eine Story wert gewesen.

1988, zu Zeiten Gorbatschows, wurden in Leningrad erstmals Plakate für mich gedruckt. Wie üblich war Sergey Kuryokhin getreulich mit von der Partie. Ich erinnere mich noch daran, wie er einen Klamauk mit dem Flügel veranstaltete und sowohl über als auch unter dem edlen Klangerzeuger herumturnte. Mit missionarischem Eifer erklärte Kuryokhin den Musikern vor den Performances akribisch seine Konzeption. Sein schlechtes Englisch verstand ich zumeist nicht, deshalb verließ ich mich da jeweils auf meine Intuition. Kuryokhins Aktionismus empfand ich, ehrlich gesagt, mitunter als etwas übertrieben.

Auch beim New Jazz Festival 1989 trafen wir uns und vollführten eines Vormittags in der Musikschule eine Session. Partner hierbei war übrigens auch der im litauischen Vilnius beheimatete Perkussionist Vladimir Tarasov, ebenfalls ein vertrauter Jazzkollege. Mir behagte freilich nicht, als Kuryokhin auf der großen Festivalbühne eine Show mit erschrecktem Federvieh und einer Geiß, die sich unter dem Flügel verkroch, inszenierte. Eine nuancierte Musik wie auf unserer Platte „Jam Session Leningrad“ bedeutete mir mehr.

Von Vladimir Tarasov, der im Sommer 1996 wieder einmal in Deutschland weilte, erfuhr ich die traurige Nachricht von Kuryokhins Ableben. Eine Bestätigung erhielt ich dann auch von Leo Feigin, der sich so sehr für die russischen Avantgarde-Jazzer einsetzt und sogleich eine 4-CD-Box für Sergey Kuryokhin ankündigte.

Schließlich bemerkte ich, daß der nur 42 Jahre alt gewordene Leningrader alias Sankt Petersburger posthum weltweit online präsent ist. Schaut man im Internet bei einer Suchmaschine unter „Kuryokhin“ nach, so werden doch eine Menge Einträge aufgelistet. Der aus der Ukraine stammende Joseph Bakhmoutsky richtete in Australien eine mit Fotos und etlichen „Links“ aufgewertete Homepage ein.

Dort heißt es über Sergey Kuryokhin: „He is considered to be the best piano player in the former Soviet Union who has mastered many styles including jazz, rock and classic music. His ideas and inventions are very original, for example, one of his ideas states that Lenin is a mushroom. Kuryokhin also wrote music for several films. He appeared in a number of movies including „Lokh – pobeditel‘ vody“, „Dialogi“ and „Dva kapitana 2″. Kuryokhin was hospitalized since May 7 and died on July 9, 1996, from cancer of heart. There was not enough money ($200 000) for the operation that could have been performed with the help of Western doctors. It is scary. It is scary that such a person lost his life because nobody cared to pay the money. Sergey Kuryokhin is buried in Komarovo, near St. Petersburg.“ Der Internet-Surfer wird auf weitere Daten von Kuryokhin im Internet verwiesen, auch Sound-Samples sind von ihm abrufbar.

Gedenkkonzerte und ehrende Festivals wurden für Sergey Kuryokhin bereits in Moskau, London und New York durchgeführt. In Sankt Petersburg will man alljährlich Memorial-Veranstaltungen im Sinne des Allround-Künstlers durchführen. Kuryokhin wurde offensichtlich zur unsterblichen russischen Rock- und Jazz-Ikone.