Der Klarinettenvirtuose Giora Feidman wurde im Haller Neubau-Saal umjubelt

Giora Feidman - Foto: Hans Kumpf
Text und Photos: Hans Kumpf 

Mit seinem aktuellen Programm „Jazz Experience“ legte Giora Feidman auch in Schwäbisch Hall eine Tourneestation ein, doch der weltberühmte Klezmer-Klarinettist überließ das kreative Improvisieren seiner aus drei Saitenkünstlern bestehenden Begleitband. Nach 2003 feierte der inzwischen 77-Jährige im vollen Neubau-Saal erneut einen umjubelten Auftritt.

Ein (Klarinetten-)Ton definiert sich nicht bloß durch Höhe und Dauer. Bei Giora Feidman tun sich in einem einzigen Ton ganze Klangwelten auf. Der Ton wird mit Staccato scharf angestoßen oder angeschleift oder mit einem Impuls vom Gaumen zum Schwingen gebracht. Mit einem wohldosierten Vibrato erhält er Wärme, mit Flatterzunge wird er aufgeraut, mit anschwellender Dynamik gewinnt er Plastizität, um dann am Schluss – nach oben oder unten – abgewürgt zu werden. Der Ton wird in und durch die Klarinette gehaucht, dieser tanzt, singt, schreit, juchzt und schluchzt. Alles geschieht mitunter in atemberaubender Schnelligkeit und stets in höchster Kunstfertigkeit.

Ohne verstärkende Elektrohilfe füllte Feidman mit seinem Blasinstrument rein akustisch jeden Raum aus. Er verfügt nach wie vor sowohl über die Körperkraft, um sich lautstark auszudrücken, als auch über die nötige Disziplin, um im vielfachen Pianissimo immense Intensität auszustrahlen.

Giora Feidman gilt längst als Synonym für „Klezmer-Künstler“. Klezmer entstand ursprünglich vor dreihundert Jahren in den jiddischen Gemeinden Osteuropas und nahm auch Elemente von slawischer und türkischer Folklore sowie Musik des Balkans und der Zigeuner in sich auf. Dass auch ein swingendes Jazzfeeling in die jüdische Seele einging, ist bei dieser weltoffenen Musik nur natürlich.

Freilich: Giora Feidman selbst ist kein Vollblutjazzer, was dem langjährigen Sinfonieorchesterinstrumentalisten (in seinem Geburtsland Argentinien und seiner Wahlheimat Israel) nicht verübelt werden muss. Das Primat der Improvisation spielt für ihn persönlich keine Rolle. Schon in seinem normalen Konzertprogramm vor über einem Vierteljahrhundert integrierte er beliebte Jazztitel wie Chick Coreas „La Fiesta“ oder die Eubie Blake-Ballade „Memories of You“ im Swing-Stil von Benny Goodman. Die Aktion „Klezmer meets Jazz“, die mit einer entsprechenden CD begleitet wird, ist also so neu nicht.

Nun variiert und verziert Feidman lediglich das Themenmaterial auf seiner transparenten B-Klarinette aus Plexiglas mit Boehm-Griffsystem, ohne auf der Harmoniegrundlage melodisch-rhythmisch Eigenständiges zu schaffen. Das Primat der wirklich kreativen Improvisation erfüllen dagegen seine drei Begleitmusiker, welche auch als einfühlsame Klezmer-Komponisten in Erscheinungen treten: Guido Jäger am Kontrabass, Reentko Dirks an der Gitarre und Stephan Braun am Violoncello, das auch mal wie die Geige von Stéphane Grappelli erklingen kann, prägnant gezupft wird oder durch Schlagen auf den Korpus als Perkussionsinstrument zu dienen vermag. Tiefe Klangtupfer setzt Giora Feidman sporadisch mit seiner Bassklarinette. Als Jazz-Standards sind im Konzert beispielsweise Duke Ellingtons arabisierendes „Caravan“, der „Waltz for Debby“ des Pianisten Bill Evans und jahreszeitliche Songs wie „Summertime“ und „Autumn Leaves“ zu hören. 

Ein humorvoller und routinierter Entertainer ist Giora Feidman allemal. Er vergisst nie, seine Herzensangelegenheit zu vermitteln: Musik sei die gemeinsame Sprache der Menschheit. Humanität und panreligiöse Liberalität predigt dieser jüdische Künstler wie einst Lessings „Nathan der Weise“. Vor elf Jahren präsentierte der am 25. März 1936 in Buenos Aires geborene Kosmopolit Giora Feidman im Haller Neubau vor allem Tangos, aber auch schon damals kombinierte er friedensstiftend die Hymne der Palästinenser mit derjenigen von Israel, die sich ja aus der gleichen jiddischen Quelle wie Smetanas „Moldau“ speist. Als dritte „National Anthem“ kam jetzt unsere Haydn-Weise hinzu.

Vor allem in Deutschland kann sich Giora Feidman über ein treues Publikum erfreuen, das auf Kommando auch mal behutsam mitsingt. Der betagte Maestro selbst schont sich nicht. In der Konzertpause und nach Ende der Vorstellung eilt er mit dem dicken schwarzen Filsstift bewaffnet ins Foyer, um bereitwillig sein Biografie-Buch, Programmhefte, CDs und Notendrucke zu signieren. Genau fünf Wochen dauert die Tournee „The Giora Feidman Jazz Experience“, nur montags ist spielfrei. Im Herbst gibt es davon eine Neuauflage. Ein Termin davon: 17. November im Stuttgarter Theaterhaus.

Info: www.giorafeidman-online.com