Akut Festival Mainz 2021 – Photos: Schindelbeck

Man konnte sich die Augen reiben: das AKUT Festival für Zeitgenössische Musik im Frankfurter Hof in Mainz war prächtig besucht. In den vorherigen Jahren war das aus nicht so einfach zu bestimmenden Gründen nicht immer der Fall. Am ambitionierten Programm kann es schon damals nicht gelegen haben. Ob es in diesem Jahr trotz oder wegen Corona anders war oder wegen des „Wir-gehen-nochmal-hin“-Effekts? Denn leider war im Vorfeld der 23. Ausgabe des etablierten Festivals bekannt geworden, dass die Organisatorinnen und Organisatoren von UpArt e.V. nicht mehr die Ressourcen haben um die Festivalorganisation zu stemmen. Angesichts der vollen Zuschauerreihen wollte Marlies Weißenberger von UpArt die Flinte trotzdem nicht endgültig ins Korn werfen und appellierte ins Publikum zu Mitarbeit.

Es wäre schade um AKUT, denn auch die 2021er Version stand exemplarisch fürs Beste dieses Festivals: ein international – europäisch – besetztes Programm mit sehr unterschiedlichen musikalischen Ansätzen, mit dem Mut auch ungewöhnlich zu besetzen. Das passte sehr zur Formation „Elegiac“ mit Frontman Ted Milton, der sich mit dem Punkjazz seiner Band Blört spezielle Meriten erspielt hat und in Mainz mit der neuen Band im Trio mit Graham Lewis (b) und Sam Britton (electronics) seine Livepremiere gab. Saxophongehupe immer noch mit Punkattitüde, die eindringliche Stimme des Lyrikers Milton am Mikrophon. Das „Nesthäkchen“ Britton an den Electronics sorgt für elektronischen Beat und Groove.

AKUT Festival Mainz 2021 - Photo: Schindelbeck

Eine weitere Fastpremiere war das erst zweite Konzert des Trios John Dikeman, John Edwards und Christian Lillinger. Ein furioser Auftritt zur Begeisterung der Freejazz-Fraktion im Publikum. Ein pausenloses Powerplay, dynamisch-rhythmisches Kraftwerk im Zentrum: Lillinger. Ebenso preisgekrönt jener beim diesjährigen Deutschen Jazzpreis übrigens, wie die Formation Philm, die den ersten Festivalabend eröffnete. Die spielt in einer speziellen Liga und entzieht sich gängiger Jazzbeschreibungen. Hochkonzentrierte Musik mit Elias Stemeseder am Piano, aber noch prägender für die Band mit seinen elektronischen Musikgeräten. Bandleader Philipp Gropper am Tenorsax vor dem formidablen Gespann aus Robert Landfermann am Kontrabass und Oliver Steidle am Schlagzeug – energische Musik im Flow. Deutlich weniger dynamisch aber mit subtiler Musikalität und achtsamen Aufeinanderhören hatte Mount Meander den zweiten Abend eröffnet.

AKUT Festival Mainz 2021 - Photo: Schindelbeck

Ein Höhepunkt des Festivals war der Soloauftritt der Französin Camille Emaille. Die Schlagzeugerin und Perkussionisten hatten die Veranstalter bei der Veranstaltung zu Brötzmanns 80. Geburtstag in Wuppertal in diesem Jahr kennengelernt. Die spontane Begeisterung führte „vom Fleck weg“ zur Einladung  nach Mainz. Das Drumset ist gar nicht einmal so exotisch, beim Auftritt spielte aber eine ganz spezielle Konstruktion aus über Konserven gespannte provisorische Saiten eine zentrale Rolle, nicht zuletzt durch das Streichen mit einem Bogen über die sehr spezielle Geige. Als „Improvisatrice“ bezeichnet sich die Musikerin selbst: ein aus dem Augenblick heraus gestaltetes fantasievolles Perkussiverlebnis. Die letzte Band des Festivals ließ keine Fraktion kalt. Einige reisten wegen Nik Bärtsch’s Mobile gar nicht mehr an, andere waren schier verzückt vom Trioauftritt. Musik am Rande von neuer Musik, die Grenzen zwischen Kompositionen und Improvisationen verschwimmen. Der Überbegriff, den Bärtsch selbst für seine Projekte wählt, „ritual groove music“, trifft es auf den Punkt. In der Kombination von Piano, Schlagzeug und Reeds entwickeln sich die Titel von Nik Bärtsch’s Mobile mit bezwingender rhythmischer Präzision und stringentem Zeitlupengroove zu einem musikalischen Mahlstrom, dem man sich kaum entziehen kann. Große Begeisterung zum Finale.

Das AKUT Festival in Mainz gibt es seit 1987 und sollte es im Jahr 2021 tatsächlich die letzte Veranstaltung gewesen sein: es wäre ein bitterer Verlust für die Stadt Mainz und darüber hinaus. Diese bedeutende Heimat für zeitgenössische Musik und Jazz im Avantgardebereich sollte nicht fehlen.  

|upArt e.v.

Photos: Schindelbeck