5 Jahre Jazzclub im Stellwerk

Im September 2010 feiert der Jazzclub im Stellwerk sein 5jähriges Bestehen.

Eröffnet zu einer Zeit, in der andere Clubs – egal ob Jazz- oder Rockclubs – eher die Pforten schlossen, dazu auf der „falschen Seite“ des Flusses – nämlich im totgesagten Süden Hamburgs. In einer Stadt, die für Jazzer ohnehin einen weißen Fleck auf der Karte darstellte und dann noch in einem Bahnhof.

In den 5 Jahren hat sich nicht nur der Club selbst etliche Male verändert (neue Fenster dämmen Hitze wie Kälte und vor allem den Zuglärm von Außen), Bistrotische und Stühle haben das einstige hölzerne Sitzreihenmobiliar abgelöst. Ein Durcheinander von Stromkabeln wurde durch eine geordnete Elektrik ersetzt, ein Backstage-Bereich ausgebaut und eine gut 15 Jahre alte Tontechnik durch modernes Equipement ersetzt. Und selbst ein gut eingespielter Flügel gehört mittlerweile zum festen Inventar. „Great Shit“, wie die Stellwerker sagen und es selbstironisch zum 5jährigen auch zu ihrem Leitmotiv machen. 

Heiko Langanke gründete 2001 zusammen mit der Jazzsängerin Ulita Knaus und dem ehemaligen NDR-BigBand-Leiter Prof. Dr. Dieter Glawischnig den Förderverein Jazz-club Hamburg e. V.. Dessen Ziel ist und war es, Interessenten zu gewinnen, die durch einen monatlichen Beitrag die Gründung und Betreibung eines neuen Clubs ermögli-chen sollten und dem Jazz nachhaltig und im wahrsten Sinne des Wortes mehr Gehör zu verschaffen. 

Durch Zufall stieß Langanke dann Anfang 2005 auf den Kunstverein im Bahnhof Har-burg, der gerade im Begriff war, einen neuen Raum in Betrieb zu nehmen. In diesem sollte Theater und Musik den gegenüberliegenden Kunstverein Harburger Bahnhof in den Kulturgenres ergänzen und so ein regelrechter „Kulturbahnhof Harburg“ als Leitbild des oft gepredigten aber nie wirklich praktizierten „Sprungs über die Elbe“ darstellen.

Als Kooperationspartner des Kunstvereins ging so am 16.9.2005 der Jazzclub im Stellwerk als Konzertreihe mit seinem ersten Konzert an den Start. 

Bis heute hat der Förderverein nun nicht nur das Stellwerk, das jährliche Jazz-Festival „Take5“, die Barkassentouren „Jazz on Boat“, das Kindermusikprojekt „Kröten für Trö-ten“ samt Workshops und Instrumentenverleihe, das Webradio „hamburgjazz.radio.de“ oder jüngst den „Jazz Sommer Barmbek“ oder das Terminportal „www.jazz-hamburg.com“ initiiert. Projekte, die dazu beitrugen, dass Jazz – eine gemeinhin als „Randgruppensparte“ bezeichnete Musikform – alltäglicher in der Hansestadt wurde.

Das Team

Kann das ein Mann alleine?

„Nein“, so Langanke knapp. Und in der Tat: sein engster Stellwerk-Partner Thomas Bernhold als gelernter Tischler übernahm mehr den praktischen Part, seine Frau Sabine Schnell als praktizierende Grafikerin den Marketingpart, eine weitere engere Teamkol-legin übernahm die Konzertbuchungen und Abrechnungen und Langanke selbst den Part der „Rampensau“ wie er es nennt.

„Im Grunde arbeitest Du wie ein Proficlub, muss Dich um jeden Behördenkram ebenso kümmern wie um Logistik, Verträge, Werbung und das Konzert an sich. Und wenn alles gut läuft, ist die Belohung, dass Du nicht noch drauf zahlst“, so Langanke. Eben alles „Great Shit“. 

Das Stellwerkteam mit rund 25 Helfenden arbeitet von Anbeginn und ausschließlich ehrenamtlich – im wahrsten Sinne: unentgeltlich. Bei 120-140 Konzerten, dem vor- und nachbereiten samt Buchhaltung, Werbung, Flyer- und Plakat-Gestaltung und -Verteilung etc. kommen da schnell 3-4000 Stunden im Jahr zusammen. „Selbst wenn wir das als 1-Euro-Jobber täten, wären wir schon wieder im Minus“, so Langanke.

Um Miete, GEMA, Hotel- und Druckkosten für Flyer und Plakate zu stemmen, braucht es auch ohnedies rund 4.000,- € monatlich. Und daher wird die „Selbstausbeutung“ der Musiker – wie Langanke sie folgerichtig benennt – zum Konzept. 

„Bei uns bekommen alle Musiker lediglich Anteile der Eintrittseinnahmen. Das kann schon mal mehr als 1.000 Euro werden, aber eben auch 10,- €“, so Langanke realistisch. Aber ohne städtische Förderung sei eben nur das Prinzip „von der Hand in den Mund“ möglich.

„Brutal, durchaus. Aber alles andere wäre schön geredet und dennoch gibt es viele Jazzer, die das auf sich nehmen, was wohl kaum eine andere Kulturgattung machen würde: totales Risiko“, so Langanke. Und wieder rechnet er: „bei rund 8-9000 Gästen in den Clubkonzerten bekämen andere Kulturinstitutionen rund 80.000-90.000 Euro jährliche Unterstützung. Man muss sich schon seine Gedanken machen, wie weit man diese Art von Kulturdumping betreiben will. Das ist im Grunde und wirklich „great shit!“ 

Der international renommierte Pianist Hans Lüdemann bringt es auf den Punkt: „Das „Stellwerk“ schließt eine Lücke im Hamburger Kulturangebot. Es ist eine hervorragende Ergänzung zu bestehenden Einrichtungen wie der Fabrik und dem Birdland, ein Ort, der gleichermaßen wichtig ist als „Brutstätte“ für die jungen Musiker, als Spielort für die Hamburger Szene und als Auftrittsort für die überregionale Jazz-Szene. Es ist ein Ort der Kreativität, denn hier auf der Bühne entsteht diese Musik.

Das Programm kann sich sehen lassen und weist neben enormer Breite viele Höhe-punkte und künstlerisch ambitionierte Veranstaltungen auf.“

„Es ist schwer zu verstehen, warum die Stadt Hamburg diese Einrichtung nicht massiv fördert. Dass das „Stellwerk“ seine Leistung so lange aufrechterhalten konnte, ist wundervoll und grenzt an ein Wunder – denn es ist weder selbstverständlich, dass die Mitarbeiter ehrenamtlich arbeiten, noch dass die Musiker auf eigenes Risiko auftreten. Dies auf Dauer fortzusetzen, erscheint schwierig. Ich würde dem „Stellwerk“ wünschen, dass Euer Engagement endlich durch städtische Unterstützung belohnt wird. Dies würde ermöglichen, dass kulturell noch mehr Glanzlichter gesetzt werden könnten und das „Stellwerk“ eine dauerhaft tragfähigen Perspektive erhielte.“

Das Programm zur Feier des 5jährigen Bestehens ist versprechend: Am 10. Septem-ber tritt Jazzlegende Gunter Hampel samt seiner „music + dance company“ auf und wird zudem noch einen Kinderworkshop im Stellwerk bestreiten.  Am 16. September taucht das Hamburger U-Boot-Orchesterim Harburger Bahnhof auf und am 17. und 18. September wird die niederländische Dance-Jazz-Formation „Monsieur Dubois“ samt DJ Soul Rabbi sein Stell-Dich-ein geben.

www.stellwerk-hamburg.de

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