Moers Festival 2022 – Rückschau der Jazzpages

Das moers festival 2022 spielte schon im Vorfeld mit der Frage „Is this noch a Jazz Fest?“ und druckte sie auch gleich auf den diesjährigen Festival-T-Shirt Jahrgang. Im Grunde eine kokettierende Frage, denn die Macher das Festival überspringen natürlich schon seit Jahren Stilgrenzen eines Jazzfestivals konsequent und offensichtlich lustvoll. Um die Frage persönlich zu beantworten: ich habe es als Jazzfestival „gelesen“. Aber viele Dinge werden je nach persönlicher Lesart wahrgenommen. Und wer Moers als Festival für Aktuelle Musik, für ethnisch geprägte Musik, für Noise oder als Festival für Randbereiche nicht einzuordnender Musik eben doch einordnet, der liegt ebenso richtig. Es war ein Festival mit Diskussionen – auch über die genannten Frage – und es war ein Festival für Musik ohne Musiker, gespielt von Robotern. Auch ein Kunstfestival, bei dem die Künstlerin Tina Tonagel intelligent und technisch raffiniert mit Klängen und Geräuschen spielte. Kybernetische Klangerzeugung wurde auch zum Mitmachen fürs Publikum aufgebaut. Ein Festival für viele Sinne.

Moers Festival 2022 - Photo: Frank Schindelbeck

Geschärfte Sinne brauchte man auch, um sich auf dem Festival zielgerichtet zurecht zu finden. Die Festivalapp war witzig verspielt – mit Verbesserungspotential in funktionaler Hinsicht – ebenso wie das gedruckte Programm. Könnte man kritisieren, könnte man aber auch als raffinierten Einfall interpretieren: wer sich durch diesen Dschungel kämpfte und am Ende am richtigen Platz zur richtigen Zeit war hatte etwas geleistet. Sich gekümmert – ganz im Sinne eines vorherigen Festivalslogans: „Strengt euch an“.

Die Wahrnehmung von Moers als Jazzfest(ival) wurde einem leicht gemacht. Angefangen schon beim Artifacts Trio, mit der diesjährigen Artist in Residence, der Cellistin Tomeka Reid im Trio mit Nicole Mitchell an der Querflöte und Mike Reed am Schlagzeug. Das Trio aus der Chicagoer Szene, mit Wurzeln im AACM zelebrierte groovenden „african-american“ Jazz in einer ungewöhnlichen Besetzung, mit sicht- und hörbarer Spielfreude. Der Funke zum Publikum sprang sofort über und im „Jazztalk“ im Nachgang war man sich einig: brillant gespielt und wohltuend, dass diese Art von fast klassischem Jazz ihren Platz im Festival hat. Deutlich dünner wurden die african-american Wurzeln im sonstigen Festivalprogramm: ein guter Teil an zeitgenössischem europäischem Jazz- oder nennen wir es „improvisierte Musik“ – Avantgarde, „creative music“. Ausflüge ins Exotische mit den Gamo-Singers und weiteren Musikern aus Äthiopien oder der Kollaboration mit Musikern aus Myanmar im Projekt „3 Fingers in the Dark“.

Moers Festival 2022 - Photo: Frank Schindelbeck

Bei Bands wie Liturgy oder Lightning Bolt waren die Jazzwurzeln ziemlich konsequent gezogen aber der mitreissenden Dynamik konnten sich nicht nur die ziemlich jungen Hörer kaum entziehen. Und wann kann man in Moers schon erleben, dass die Musiker, wie bei Lightning Bolt, auf der Bühne im hautnahen Kontakt umringt inmitten ihrer Fans spielen?

Die „Compressorheads Stickboy & Bones“, zwei Roboter können als Symbol für den „kybernetischen Teil“ des Festivals stehen. Der „Fachbereich 08 für nicht anthropogene Musik“ wurde vom Künstlerkollektiv Recursion kuratiert und verzichtete konsequent auf Musiker. Immerhin stecken noch menschliche Köpfe und Ideen hinter den Kunstprojekten, deren musikalische Ergebnisse im Vergleich zum Menschengemachten zwar eher nicht mithalten konnten, die aber allemal interessant und inspirierend waren.

Moers Festival 2022 - Photo: Frank Schindelbeck

Keinen Zweifel am Jazzcharakter gab es bei den das Festival schon immer prägenden Sessions, die wie üblich vom Saxophonisten Jan Klare kuratiert wurden: mit einer wunderbaren Bandbreite ungewohnter Klänge (die Harfenistin Adaya Godlevsky), origineller Schlagzeuger (Michael Vatcher, Hano), exotischer Instrumente (Gamin Kang), unerhörter Stimmen (Almut Kühne) und grenzenloser Kreativität (eh Alle). Die neue Reihe „Annex“ im Schulhof des Gymnasiums in den Filder Benden setzte noch eins drauf: zusätzliche fantastische musikalische Begegnungen, von Festivalmusikern in Eigenregie zusammengestellt. Dort als überraschender Master of Ceremonies: Jean-Hervé Peron, ja, der Kopf von FAUST. Das Konzept der Sessions in kleineren Spielstätten mit spontanen Musikerkombinationen rückt nicht nur beim Moers Festival zunehmend in den Mittelpunkt. Musikerinnen und Musiker, die mit ihren festen Ensembles auf den Hauptbühnen spielen, agieren in den Sessions in volatilen Gruppen. In diesem Jahr besonders aktiv der Bassist Luke Stewart, Saxophonist John Dikeman, Tomeka Reid, Saxophonistin Angelika Niescier, der Gitarrist Francesco Diodati… – just to name a few. Aber auch diese Wahrnehmung ist subjektiv, geprägt von persönlichem Geschmack und zufälligem „Dasein vor Ort“.

Moers Festival 2022 - Photo: Frank Schindelbeck

Dem Publikum machte Annex jedenfalls Spaß zu machen, der Innenhof war ein lebhafter Treffpunkt von Festivalbesuchern, Musikerinnen und Musikern, allesamt in regem Austausch. Die Zahl der Innenstadtevents war überschaubar aber umso attraktiver: Fantastisch das erstmals zusammenspielende Duo von Hayden Chisholm und Joel Grip im Café Mondrian, im Bürgermeisterbüro beim kurzen Präfestival-Auftritt von Akkordeonistin Tizia Zimmermann und Reedplayer Florian Walter. Und die Saxophonistin Anna Webber traf auf den Masenqo-Spieler Endres Hassen Ahmed Äthiopien: Saxophon versus eine Saite auf der archaisch wirkenden Fidel. Wer vor dem offiziellen Schlusskonzert aufbrechen musste, kam noch in den Genuss eines intensiven Duo-Konzerts von Jan Klare und Luke Stewart im Wahlkreisbüro der SPD.

Moers Festival 2022 – Photos: Frank Schindelbeck

Eine weitere Neuerung gab es mit dem Konzept @thesametime: Konzerte wurden gleichzeitig auf der Hauptbühne in der Ennihalle und der Bühne am Rodelberg gespielt. Nicht nur gleichzeitig sondern verbunden. Die Musikerinnen und Musiker waren durch Ohrhörer im akustischen Austausch, das Publikum nahm von den Konzerten immer nur 50% war. Wobei 50% keinen Abstrich der Qualität bedeuten musste: das Saxophonquartett am Rodelberg, mit Lisa Hofmaninger, Angelika Niescier, Hayden Chisholm und Francesco Bigoni spielte ein großartiges eigenständiges Konzert. Die zusammengesetzte Fassung des Oktetts gab und gibt es nur im virtuellen Raum des Moersiversums. Ja, findet man dort, allerdings: strengt euch an… Ob damit wirklich eine weitere Dimension von Konzerten erschlossen wurde kann man im Nachgang entscheiden. Ein Tipp? @thesametime gibt es bei der nächsten Ausgabe nicht mehr.

Es war ein Fest für Neugierige: Neugier auf alte Bekannte mit aktuellen Programmen, auf bislang unerhörte Musiker mit unerhörter Musik und mit der Möglichkeit horizonterweiternde Spezialprojekte zu erleben. Moers bleibt ein charmantes Festival, mit seinem leicht anarchischen Ansatz in der Organisation, der offenen Kommunikationskultur, dem eigenwilligen und weltoffenen Musikkonzept. Das Resultat: von Konzert zu Konzert pilgernde, offensichtlich glückliche Besucher. Darf das gesamte Veranstalterteam um Festivalchef Tim Isfort ebenso erfreuen.

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