Einer der hören und schreiben konnte – der Jazzjournalist Matthias Spindler ist verstorben

Am 7. April 2021 erlag der Journalist und Autor Matthias Spindler einer kurzen, unerbittlichen Krankheit im Alter von 67 Jahren. Je nach Interesse konnte man Spindler als Historiker – Geschichte hatte er studiert und vor allem zur pfälzischen Geschichte hat er publiziert – oder als fachkundigen Jazzjournalisten wahrnehmen. Letzteres ist natürlich die Verbindung zu den Jazzpages. Obwohl Matthias Spindler auch über die Metropolregion hinaus tätig und bekannt war, lag der regionale Schwerpunkt seiner Arbeit in der Metropolregion Rhein-Neckar, dort lebte er in Waldsee und arbeitete in Mannheim.

Sein Studium der Geschichte und der Abschluss als Magister Artium an der Universität Heidelberg bescherte ihm zwar die „akademischen Weihen“, der Arbeitsmarkt sah für Geisteswissenschaftler aber schon in den 70ern eher trübe aus. Im Leben außerhalb der Uni hielt er sich also zunächst mit verschiedenen Jobs über Wasser. Klar, ein Gastspiel bei BASF in Ludwigshafen war dabei, aber vorwiegend wurde der Lebensunterhalt als Mitarbeiter der Post bestritten.

Zum Jazz kam Matthias Spindler als Hörer seit den 1960er Jahren, zum Jazzautoren wurde er Mitte der 1970er Jahre mit ersten Schallplatten-Kritiken für das Jazzpodium. Später folgten Konzertkritiken für die Zeitungen Die Rheinpfalz und Mannheimer Morgen – mit die Letzten betrachteten das Enjoy Jazz Festival im vergangenen Jahr, als er über die Konzerte von Mani Neumeier und von Erwin Ditzner berichtete.

„Jazz hörte ich seit 1967, betrachte mich auch, obwohl ich außer meiner (immer noch in Gebrauch befindlichen) mechanischen Schreibmaschine kein Instrument spiele, dem Lebensgefühl nach als Jazzer.“

Sein Sprung zum Jazzradio war fast zufällig: ein kritischer Leserbrief im Jazzpodium, zum „Jazzpapst“ J.-E. Berendt, bescherte ihm die  Einladung für eine einstündige Sendung im NDR. Der eigentliche Einstieg ins Radio gelang dann beim Hessischen Rundfunk ab Anfang der 1980er Jahre, zunächst gelegentlich. Ab Mitte der 1980er Jahre war Matthias Spindler regelmäßig bei hr2 für verschiedene Jazzsendungen zuständig, als Autor und Aufnahmeleiter. Die Bekannteste war „Swingtime mit Bill Ramsey“ – und hier schloss sich ein Kreis, war diese Sendung doch auch der Jazzradio-Hörereinstieg für Matthias Spindler. Für den SWR Hörfunk arbeitete Spindler ebenfalls, allerdings zu anderen, im weiteren Sinne kulturellen Themen.

Vor wenigen Wochen hat Georg Spindler, der jüngere Bruder von Matthias Spindler – ebenfalls Journalist und ebenso jazzaffin – einen Rückblick auf das „Kulturspektakel Speyer“ im Jahr 1981 veröffentlicht: „Als mein Bruder Matthias (…) einstieg, nutzte er die Chance und organisierte ein Jazzprogramm.“ Das Line-up dieser Veranstaltung, im überschaubar großen Städtchen, mit George Adams, Don Pullen, David Murray, Dave Liebman, John Scofield und Albert Mangelsdorff spricht für sich selbst, vor allem aber für den Organisator. Matthias Spindler hatte stets ein offenes Ohr für interessante Töne und war beispielsweise der erste Journalist, der das kreative Potential der Orientalischen Musikakademie in Mannheim entdeckte.

Typisch für Matthias Spindler war seine wohlgesonnene Betrachtung der regionalen Jazzszene, die umso überzeugender wirkte, wenn man das enorme Spindlersche Jazzwissen im Hintergrund kannte. Kennenlernen konnte man das – nicht nur – am Rande von Konzerten in der Alten Feuerwache Mannheim. Wenn man mit Matthias Spindler ins Gespräch kam und innerhalb kürzester Zeit klar wurde: hier weiß Einer Bescheid. Mit Jazzgeschichte(en), Verweisen, Empfehlungen verdichtet in wenige Minuten Gespräch. Und man freute sich schon auf die geschliffenen Kommentare zum folgenden Konzert, die einige Tage später in der Zeitung erschienen.

Matthias Spindlers Stimme wird fehlen.

9 Gedanken zu „Einer der hören und schreiben konnte – der Jazzjournalist Matthias Spindler ist verstorben“

  1. In Memoriam Matthias Spindler findet am 25. Mai ab 19 Uhr ein Jazz-Livestream mit Emil Mangelsdorff und Band, Olaf Schönborn, Thomas Siffling und Dietmar Fuhr aus der Kulturhalle in Waldsee statt.
    Die Veranstaltung wird vom Rhein-Pfalz-Kreis in Zusammenarbeit mit der Ortsgemeinde Waldsee organisiert. Der Livestream kann direkt unter dem Link http://bit.ly/jazzstreamwaldsee oder über den YouTube-Kanal der Kreisverwaltung Rhein-Pfalz-Kreis aufgerufen werden.

    Antworten
  2. Es ist ganz ganz schrecklich, dass Matthias nun nicht mehr da ist.
    Ich hatte das große Glück, ihn gut zu kennen. Und ich habe ihn zutiefst gemocht und zutiefst respektiert.

    Sein so angenehmer, freundlicher, humaner, sensibler Charakter, sein umfangreiches Wissen, nicht nur über den Jazz, sein musikalisches Verständnis, seine Offenheit und sein Interesse an jeglichem ernsthaften kreativen Musikschaffenden, sein untrügliches Urteil, dass ihm leicht zeigte, ob ein Künstler tatsächlich “etwas zu sagen hat“, das alles machte ihn zu einer wirklichen und großen Bereicherung in der Welt des Jazz.

    Für einen Jazzmusiker war es geradezu ein freudiges Erlebnis, wenn Matthias Spindler sich mit ihm beschäftigte. So konnte der Künstler manches erfahren, was er so präzise und fundiert über sein eigenes Schaffen vielleicht noch gar nicht wusste, was ihn im besten Fall sogar künstlerisch “weiterbringen“ konnte. Dabei wurde der Musiker vorsichtig, liebevoll, auch mal mit einer konstruktiven Gerechtigkeit gehört.

    Seine intelligente Seele ist unersetzlich, das ist leider so und das ist sehr sehr traurig.
    Matthias Spindler konnte uns wirklich hören.

    Ich werde oft voller Zuneigung an Dich denken, auch wenn ich mein Saxophon spiele.
    Grüße bitte dort, wo Du nun unterwegs bist, wo nicht viele hindürfen,
    den John Coltrane von mir.

    Herzlich, Dein Johannes Barthelmes

    Antworten
  3. Wie unendlich traurig! Er kam immer wieder mal im Jazzinstitut vorbei, auf dem Rückweg vom HR in Frankfurt, wühlte ein bisschen im Plattenarchiv, war aber eigentlich vor allem am Gespräch interessiert. Und, ja, es waren neben den Großen des Jazz immer die lokalen Musiker, an denen sein Herz hing, von den Altvorderen wie Wolfgang Lauth bis zum jüngeren Experiment. Er hatte immer eine Meinung dazu, nicht immer die meine, aber immer aus großer Kenntnis heraus und mit Überzeugung vorgetragen. Man konnte großartig streiten mit ihm, weil er andere Meinungen aushalten konnte. Ich werde ihn vermissen!

    Antworten
  4. Ich bin bestürzt, war allerdings seit Anfang Februar vorgewarnt, weil ich da erstmals davon gehört habe, dass Matthias „sehr, sehr krank“ sei, wie es sein Bruder Georg am Telefon ausgedrückt hat, als Matthias – erstmals wahrscheinlich in seiner Rundfunklaufbahn – mit einer Sendung säumig wurde, nicht rüberkam…. nach Frankfurt. Matthias Spindler war mein Kollege und Mitarbeiter in der Jazz-Redaktion von hr2-kultur, der ich bis vor kurzem für 21 Jahre vorstand. Matthias habe ich schon von meinem Vorgänger Ulrich Olshausen „geerbt“.

    Als ich Matthias das letzte Mal begegnet bin von Angesicht zu Angesicht (ich knietief im Müll meines Büros, ich war dabei, dieses zu räumen, weil ich gerade freigelassen worden war), das war Ende Januar / Anfang Februar, da war er noch ganz so wie man ihn kennt, ich ihn zwei Jahrzehnte erlebt habe: etwas gehetzt, sehr engagiert, trotzdem immer bereit für einen Jazz-Schnack, natürlich wie immer eigensinnig, er ist ein Pfälzer Knorrkopp, eben auf seine Art ganz in seinem Metier… nun ist das alles vorbei… kaum zu glauben.

    Ich denke an ihn, an all die kleinen Hakeleien, die Redakteur und freier Mitarbeiter halt so austragen miteinander im Laufe der Zeit, aber eben auch an viele, viele gute Erlebnisse / Ereignisse / Erfolge, die wir zusammen „gelebt“ haben…. Ich erwähne hier nur mal die „Swingtime mit Bill Ramsey“, dieses unverwüstliche Langzeit-Sendungs-Monstrum in der deutschen Rundfunklandschaft. Neben Ramseys Entertainer-Qualitäten war Matthias die „Swingtime mit Bill Ramsey“. Sie fußte doch ganz wesentlich auf seinem Antrieb, immer wieder … unermüdlich… und natürlich auch auf seinem ungeheuren Repertoire-Wissen, auch und gerade im traditionellen Jazz, also gerade da, wo die Jüngeren in der Jazz-Journaille oft nicht unbedingt so gut beisammen sind. Er war es. Bis zuletzt.

    Ich trauere um ihn – und ziehe den Hut vor ihm, einem kauzigen Original und Mann der alten Schule.
    I Gotta Right To Sing The Blues

    Antworten
  5. Das ist sehr traurig; des öfteren kam ich auch in den Genuss des hier so gut beschriebenen Austausches mit Matthias nach einem Konzert. Herzliches Beileid der Familie. Matthias‘ Stimme wird uns fehlen.

    Antworten
  6. Diese Nachricht macht mich sehr traurig. Gerade gestern habe ich für hr2 eine Bigband-Sendung geschrieben und produziert, die eigentlich Matthias machen sollte. Matthias war in fachlicher Hinsicht die gelungene Synthese aus Historiker und Jazzkenner. Seine Kenntnis auch gerade der älteren Stile war herausragend, beschränkte sich jedoch nicht darauf, sondern erstreckte sich über alle Stile und Epochen bis hin zu seinem Interesse an aktuellen Entwicklungen und Grenzüberschreitungen. Er war ein echter Universalist und konnte sich in seiner ruhigen, bedächtigen Art für vieles begeistern. Bei unseren leider eher seltenen Begegnungen erlebte ich ihn als freundlichen, interessierten Gesprächspartner, irgendwie der Typus englischer Privatgelehrter der alten Schule, nur eben mit pfälzischem Zungenschlag. Ich habe ihn geschätzt und gemocht. ‘’Find your own voice!“, lautet der Imperativ des Jazz. Matthias hatte seine als Journalist längst gefunden. Er wird fehlen.

    Antworten
  7. Das ist furchtbar traurig, ich bin erschüttert und werde Matthias sehr vermissen! Herzliches Beileid an Georg und die Familie. R.I.P. lieber Matthias.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Scroll Up